Montag, September 25, 2006

Indonesien führt Scharia ein: Schon 40% Islamisten

Jakarta, Carrefour-Supermarkt: Hinten, wo immer Wodkaflaschen im Regal standen, liegen plötzlich Plastik-Fußbälle. Hochprozentiger Alkohol ist nicht mehr im Sortiment. Vorort Tanggerang: Lilis Lindawati, 35 Jahre, verheiratet, schwanger, wartet um 19 Uhr auf den Bus. Sittenwächter packen sie, ein Richter verurteilt Lilis zu drei Tagen Gefängnis. Sie stand im Dunkeln mit Lippenstift an der Straße - also sei sie Hure. Insel Sulawesi, Distrikt Bulukumba: moslemische Beamtinnen dürfen nur noch mit Kopftuch arbeiten. Stadt Makassar: Bürgermeister Ilham Arif ordnet an, dass Röcke von Schülerinnen fortan bis zum Knöchel reichen müssen. Provinz Aceh, Ortschaft Samadua: vor der Kasih-Putih-Moschee verprügelt ein Mann in roter Kutte mit seinem Rattanstock einen Lehrer. Die Menge klatscht. Danach bekommt eine Frau Hiebe. Die Geschlagenen sind kein Paar, er ist verheiratet, sie Witwe. "Sie wurden an einem Kiosk bei einem intimen Akt gefasst", sagt Marnu Labsyar, Chef der lokalen Scharia-Behörde.

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Radikaler Prediger will Demokratie durch eine "Allahkratie" ersetzenDoch nun formen konservative Moslems ein zunehmend religiöseres Indonesien. Der "Rat der islamischen Gelehrten" hat interreligiöse Hochzeiten und "pluralistische, liberale und säkulare Islaminterpretationen" verboten. Schnell brannten Häuser. Extremisten vertrieben die Islam-Sekte Ahmadiyah, weil deren Anhänger nicht glauben, dass Mohammad der letzte Prophet war. Die Polizei griff nicht ein, die Stadt Bogor verbot Ahmadiyah per Dekret. Lokale Erlasse, die konservativen Islam formalisieren, sind in Mode. 22 Kommunen haben Regularien kreiert, die auf islamischem Recht basieren. In der Provinz Aceh gilt die Scharia bereits flächendeckend. "Wir sind nur noch einen Schritt entfernt vom Islamstaat", meint Ahmad Suaedy, Direktor des Wahid-Instituts, das Expräsident Abdurrahman Wahid gründete. Der liberale Islamgelehrte warb jüngst wieder für Toleranz und Pluralismus. Da stürmten Radikale den Saal und brüllten Wahid nieder.

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Ein Gesetz gegen "Pornografie und Pornoaktion" ist entworfen. Öffentliche Küsse sollen mit bis zu fünf, erotischer Tanz mit bis zu sieben und das Zeigen "bestimmter sinnlicher Körperteile" mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden.Sollte das verabschiedet werden, warnen Intellektuelle, sei Indonesien verwandelt. "Ideologen versuchen, uns arabischen Lebensstil aufzuerlegen", schreibt Philosoph Franz Magnis-Suseno. Der jüngste Hammer fiel in Aceh, dort hat die Wahlkommission eine Prüfung eingeführt: bei Gouverneurs- und Kommunalwahlen darf nur antreten, wer den Koran rezitieren kann.

http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/hintergrund/?em_cnt=974314

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